Medizinnobelpreis 1949: Walter Rudolf Hess — Egas Moniz

Medizinnobelpreis 1949: Walter Rudolf Hess — Egas Moniz
 
Der Schweizer wurde für seine Arbeiten über die funktionelle Organisation des vegetativen Nervensystems, der Portugiese für die Entdeckung des therapeutischen Werts der präfrontalen Leukotomie bei Psychosen ausgezeichnet.
 
 Biografien
 
Walter Rudolf Hess, * Frauenfeld (Schweiz) 17. 3. 1881, ✝ Muralto (Tessin) 12. 8. 73; Medizinstudium in Lausanne, Bern, Kiel, Berlin. 1906 Promotion, 1913 Habilitation für Physiologie an der Universität Zürich, 1914-16 Privatdozent an der Universität Bonn, 1917-51 Professor für Physiologie an der Universität Zürich.
 
Egas Moniz, eigentl. António Caetano de Abreu Freire Egas, * Avanca (Portugal) 29. 11. 1874, ✝ Lissabon 13. 12. 1955; von 1911 bis 1945 Professor für Neurologie in Coimbra und Lissabon; zwischen 1903 und 1917 Parlamentsabgeordneter, von 1917 bis 1919 Außenminister, dann bis 1949 Botschafter in Madrid.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Seit 1870 werden in der Gehirnforschung neben Amputationsverfahren auch elektrophysiologische Verfahren angewandt, um Verhaltensweisen künstlich auszulösen. Ein Pionier dieser tierexperimentellen Methodik war Hess, der über zwei Jahrzehnte zwischen 1930 und 1950 systematisch Hirnreizversuche im Bereich des Zwischenhirns an Katzen durchführte. Dem betäubten Tier wurden dazu durch kleine Bohrlöcher in der Schädeldecke Elektroden in ausgewählte Stammhirnbereiche eingestochen. Während zunächst Hirnreizungen an in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkten Versuchstieren durchprobiert wurden, spezialisierte sich Hess auf die Untersuchung des Zwischenhirns an freibeweglichen Katzen. Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse enthält sein Buch »Das Zwischenhirn. Syndrome, Lokalisationen, Funktionen«, das im Jahr der Nobelpreisverleihung erschien.
 
 Experimentelle Auslösung von Angriffs- und Fluchtverhalten
 
Hess konnte durch elektrische Reizung von Arealen in den tieferen Schichten des Zwischenhirns Elemente des Abwehrverhaltens auslösen, wie es bei Begegnungen mit einem rivalisierenden Kater oder einem Hund auftritt: Fauchen, Knurren, erhöhter Blutdruck, Pupillenveränderungen, Sträuben der Rückenhaare, Zurücklegen der Ohren, allerdings nicht den »Katzenbuckel«. Ein weiterer experimentell stimulierter vegetativer Funktionsbereich war Harn- und Kotentleerung. Erich von Holst wendete die von Hess entwickelte tierexperimentelle Methodik später erfolgreich bei der Stammhirnreizung bei Hühnern an und konnte hier ebenfalls artspezifisches Angriffs- und Fluchtverhalten sowie ihr Umschlagen ineinander (»agonistisches Verhalten«) durch elektrophysiologische Reizung auslösen.
 
Ein weiteres tierexperimentelles Untersuchungsgebiet von Hess war die Funktion des Zwischenhirns als Schaltstelle der extrapyramidalen Motorik etwa beim Heben und Senken des Kopfes, Lecken, bei Kaubewegungen, Wendebewegungen des Körpers, bei Bewegungseffekten der Extremitäten sowie bei der Motorik des Gesichts (zum Beispiel: Nach-hinten-richten der Schnurrhaare). Ausfallerscheinungen bei künstlicher Reizung registrierte Hess als Nachlassen im Komfortverhalten (Säubern des Fells) und der allgemeinen Verhaltensspontanität. Nach Hess lassen sich für Miktion und Defäktion, Brechreaktionen und Speichelsekretion sowie weitere vegetative Funktionsbereiche im Hypothalamus keine streng lokalisierten Neuronenzentren analog den kortikalen motorischen Zonen nachweisen. Obwohl der Verhaltensphysiologe Hess auch ein guter Kenner des arttypischen Verhaltensrepertoirs von Katzen war, ließ er durch Leyhausen systematisch ein Ethogramm der verschiedenen artspezifischen Verhaltensweisen erstellen. Dessen 1955 erstmals erschienenen »Verhaltensstudien an Katzen« sind bis heute ein unübertroffener Klassiker und zeigen die enge Verbindung von Verhaltensphysiologie und vergleichender Verhaltensforschung.
 
 Erfinder der Leukotomie
 
Die Neuropsychologie untersucht die Beziehung zwischen Gehirnfunktion und Verhalten. Am Anfang der Entwicklung standen Phrenologen wie Johann Caspar Spurzheim, die versuchten, äußere Schädelmerkmale mit einem bestimmten Verhalten und mit Persönlichkeitsmerkmalen zu verbinden. Deren Behauptung, zum Beispiel hervortretende Augen mit einem guten Gedächtnis zu verknüpfen, widerlegte der französische Arzt Pierre Flourens, indem er experimentell Läsionen am Gehirn von Tieren durchführte, um Funktionsdefekte festzustellen. Als Begründer der Lokalisationslehre, die Hirnareale bestimmten Aufgaben zuordnet, gilt jedoch der französische Anthropologe Paul Broca, der das motorische Sprachzentrum lokalisierte. Den Beweis für die Richtigkeit der Lokalisationslehre führte jedoch erst der Neurologe Eduard Hitzig mit elektrophysiologischen Experimenten.
 
Auf die Möglichkeit, psychische Störungen neurochirurgisch zu behandeln, wurde Egas Moniz auf dem internationalen Neurologenkongress in London 1935 gebracht. Der amerikanische Neurophysiologe John Farquhar Fulton hatte berichtet, dass Schimpansen, denen er das Frontalhirn entfernte, stark verändertes Verhalten zeigten. Auch in Extremsituationen wurden die Tiere nicht mehr aggressiv, sondern blieben folgsam. Noch im selben Jahr versuchte Moniz, Teile des Frontallappens von Patienten mit Verfolgungswahn und anderen psychischen Störungen zunächst durch Injektion von Alkohol zu zerstören. Da die Ergebnisse nicht zufriedenstellend waren, entwickelte er das Leukotom, eine Art Stahlstab mit einer Drahtschlaufe.
 
Für den Eingriff öffnete Moniz die Schädeldecke oder trieb das Instrument unter dem Augenlid durch den Augenhöhlenknochen ins Gehirn und durchtrennte die Nervenbahnen, die Stirnhirn und Thalamus verbinden. Er nannte die Methode nach dem griechischen Wort leukos für weiß Leukotomie, weil die Bahnen durch die »weiße« Gehirnmasse führen. Zunächst behandelte er 20 Patienten und dann noch einmal 18. Von den 18 schizophrenen Patienten stufte er drei als ausreichend geheilt ein. Die Ergebnisse schienen ihm ausreichend positiv, obwohl stark beeinträchtigte Patienten kaum von der Operation profitierten. Moniz schrieb dazu: »Die präfrontale Leukotomie ist eine einfache und sichere Operation, die sich bei bestimmten Fällen mentaler Störungen als wirksame chirurgische Maßnahme erweisen könnte.« Die Leukotomie wurde sehr populär. Bis 1949 sind in den USA 10 000 Operationen durchgeführt worden, ebenso viele waren es bis 1954 in England und Wales. Die Erfolgsquote lag bei 41 Prozent. Es gab auch Todesfälle. Doch insgesamt gravierender erwies sich die Erkenntnis, dass durch die irreparable Zerstörung gesunder Hirnteile massive Persönlichkeitsveränderungen und schwere Gedächtnisverluste entstanden. Das Verfahren wird heute kaum noch angewandt. Doch die wachsende Kritik an der Preisverleihung an Moniz veranlasste das Nobelkomitee 1998 eine Erläuterung der euphorischen Laudatio von 1949 zu veröffentlichen. Moniz konnte den Preis nicht selbst entgegennehmen, da er schon einige Jahre an den Rollstuhl gefesselt war. Ein Patient hatte ihn mit fünf Pistolenschüssen schwer verletzt.
 
V. Schurig, U. Schulte

Universal-Lexikon. 2012.

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